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Daredevil (2015- ) - Daves Pilotenschein




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Es gibt gewisse Muster im US-amerikanischen Fernsehen, die über die Jahre fast schon zu Gesetzmäßigkeiten geworden sind. Ein Beispiel: HBO macht Serien mit hohen Chancen auf Kultstatus. In den letzten paar Jahren scheint sich eine neue Faustregel herauszuschälen, die da heißen könnte „Netflix macht saugute Eigenproduktionen“. Doch was ist mit einem der neuesten Sprösslinge des Streaming-Anbieters? Kann Marvel’s Daredevil die hohen Erwartungen erfüllen? Mein Urteil stand bereits nach zwei bislang geschauten Folgen fest! Lies selbst, ob es positiv oder negativ ausfiel, gleich nach einem Klick…

Ich gebe es zu: mein Comicwissen beschränkt sich auf eine kindliche Extremphase in Entenhausen, inklusive Micky-Maus-Abonnement und kompletten Buchrücken-Jahrgängen des Lustigen Taschenbuchs. Ach und die YPS, natürlich. Alles andere, also auch alle Comichelden von Marvel und DC sind weitgehend spurlos an mir vorübergezogen. Das bedeutet jedoch nicht, dass nicht auch ich Teil der großen Masse geworden bin, die in den letzten Jahren in die Kinos strömte, um Iron-, Bat-, Super- und Was-weiß-ich-noch-Man genüsslich dabei zu beobachten, wie sie mit ihren mächtigen Antagonisten (und inneren Lastern) effektvolle Schlachten in und um amerikanische Großstädte austragen. Ich denke nicht, dass der größte Teil des Comicfilm-Publikums heutzutage auch zu den Comiclesern gehört, die Budgets und Einspielergebnisse dieser Filme dürften in ganz anderen, viel höheren Gefilden sein als die der Comicbuchindustrie. Diese Art Filme scheinen also einen gewissen massentauglichen Charme zu versprühen, vielleicht den Reiz des Phantastischen, der uns jedes Jahr im Blockbustersommer zu Teilzeit-Comicfans macht. Warum ich das alles der eigentlichen Serienkritik voranstelle? Nun, ich will damit sagen, dass ich keinesfalls ein Experte bin, wenn es um Daredevil geht. Mein Wissen über diesen Marvel-Superhelden passt auf einen Bierdeckel und rekrutiert sich aus einer vagen Erinnerung zu einem Ben-Affleck-Film und hier und da aufgeschnappten Informationen. Will heißen: ich kann absolut nichts zur Werkstreue dieser Serienadaption sagen, ich weiß nicht, ob es dem gezeichneten Alter Ego gerecht wird und ob hier Handlungsstränge bis zur Perversion umgeschrieben wurden. All das ist mir ehrlich gesagt auch herzlich egal, aber der geneigte Leser sollte es erfahren, denke ich.

Was ich vorher schon wusste war, dass Daredevil blind ist und seine Superkräfte vor allem darin bestehen, dass seine übrigen Sinne bis zur Perfektion geschult sind. Letzeres hat ihm zusammen mit seinen Nahkampfkünsten schon so manchen Erfolg in der Verbrechensbekämpfung eingebracht. Erblindet ist er als Kind bei einem Straßenunfall mit einer Wagenladung von bis obenhin gefüllter Fässer Giftbrühe. Kleine Nerd-Notiz am Rande: dieselbe auslaufende Brühe soll dann in der Kanalisation der Stadt für die heftige Mutation von ein paar Schildkröten und einer Ratte gesorgt haben, aber das ist eine gänzlich andere Geschichte! Die Serie greift entscheidende Punkte aus der Kindheit von Daredevil aka Matt Murdock in Flashbacks auf, hauptsächlich dreht sich die Handlung jedoch um den erwachsenen, bereits erste Superhelden-Aktionen unternehmenden Mann, der zusammen mit seinem Anwaltspartner und Freund Foggy Nelson tagsüber auf Mandantensuche für die frisch gegründete Kanzlei geht. Foggy – gespielt von Elden Henson – kristallisiert sich dabei als die humoreske Rolle heraus, und stellt mit seinem selbstironischen Auftreten einen guten Gegenpol zum eher in sich gekehrten und ernst gestimmten Protagonisten dar. Daredevil selbst wird von Charlie Cox verkörpert, den man zum Beispiel als Bodyguard Owen Slater aus Boardwalk Empire kennen kann. Meiner Meinung nach wurde hier perfekt gecastet, bis jetzt passen die Hauptrollen sehr gut ins Gesamtbild der Serie. Vor allem Mr. Cox nimmt man seine geschärften Sinne stets als Superheldenfähigkeit ab. Dabei ist die Serie eher nahe an der Realität gebaut – zumindest soweit ich bislang geschaut habe. Hier findet man keine Dimensionstore, Laserwaffen, Roboterpanzeranzüge oder fliegende Hämmer. Zwar wird hier und da darauf Bezug genommen, dass Dinge aus The Avengers in der Stadt passiert sind, doch dies geschieht nur in Erzählungen, kleinen Randnotizen in Gesprächen und ordnet die Serie damit chronologisch nach diesem Film ein.

Nein, hier wird ein anderer Fokus gesetzt, als auf bloße Effekthascherei: Matt nutzt seine Sinne eben nicht nur für Kämpfe gegen Halunken, sondern auch in Gesprächen mit vermeintlichen Tätern in seiner Rolle als Anwalt: ab und an fährt die Kamera ganz dicht an ihn heran und man fühlt sich fast selbst so, als könne man die feinen Nuancen erkennen, die er wahrnehmen kann, das Beben in einer Stimme, die schnelle Atmung und der Herzschlag des Gegenüber, Wahrheit oder Lüge, Flucht oder Kampf, wer zieht eine Waffe und und und. Mit dem Daredevil legt man sich besser nicht an, das wird alsbald klar. Und dennoch bleibt er menschlich, viel menschlicher als ein Superman beispielsweise: Angriffe und Verletzungen setzen ihm sichtlich zu, er kämpft nicht perfekt, schließlich ist er blind, aber er hat etwas, dass man wohl am besten als „Nehmerqualitäten“ bezeichnen kann: Ja, Daredevil kann einstecken, und das nicht zu knapp. Positiv fällt dabei auf, dass sich die Kämpfe – meist in Form von "Mehrere gegen Einen" – sehr echt und rau anfühlen, dabei wird nicht hektisch geschnitten und gewackelt, wie es an vielen Stellen als visuelle Krankheit in Kinofilmen grassiert. Nein, vielmehr wird hier um Leben und Tod geboxt, getreten und geworfen. Man hat (vielleicht bis auf Ausnahmen) das Gefühl, dass eine Auseinandersetzung so ablaufen könnte. Mir gefällt der in richtigem Maße eingestreute Action-Anteil jedenfalls äußerst gut, und spätestens seit einer phänomenalen Szene in einem Gang am Ende der zweiten Folge war es um mich geschehen: mir wurde klar, dass ich mich nun vollends in diese Serie verliebt hatte, ja dass sie einer der besten Neustarts seit langem für mich ist! Das Sahnehäubchen sind dann noch Dinge wie die gelungenen Dialoge mit viel dadurch transportierter Charakterzeichnung und ein Vorspann, der endlich einmal wieder auf eine sehr (!) stimmige Titelmusik und ansprechende Bebilderung setzt. Gerade das Vorspanndesign vermisste ich in letzter Zeit sehr bei Serien, und auch ein ansonsten über allen Zweifel erhabenes Breaking Bad konnte mich mit seinem kurzen Periodensystem-Jingle-Einerlei nie so richtig gut in eine Folge starten lassen. Von noch verknappteren Intro-Totalausfällen à la The Blacklist oder Falling Skies ganz zu schweigen. Nein, hier werde ich endlich einmal wieder gekonnt in die nötige, leicht melancholische Grundstimmung der Serie hineingeleitet, bravo! 

Daredevil ist als Serie mal ernst und dreckig, an den menschlichen kriminellen Abgründen entlangwankend, mal amüsierend und erfrischend. Und Matt Murdock ist mittendrin, innerlich zerrissen, das Gute im Blick doch das Böse innen und außen konfrontierend. Ich bin gespannt, wie seine Reise weitergeht!

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